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«Wir durften von Ihnen lernen. Schön wäre auch umgekehrt.»

Auszug aus den Mitteilungen Herbst 2016, Nr. 218, Seite 14 | Jubiläum und Einweihungsfest

Dieter Baur (61), Leiter Volksschulen, unterrichtete in seiner 37-jährigen Laufbahn Sport, Physik und Informatik. 1997 bis 2014 war er Schulleiter an der WBS St. Alban. Privatschulen seien heute eine wichtige Ergänzung zur Volksschule, sagt er.

Geschätzte Gäste

Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen 90 Jahre feiern zu dürfen. In der Einladung schreiben Sie, dass die Rudolf Steiner Schule schon 1926 sehr innovativ war. Mädchen und Knaben hätten dieselbe Klasse besucht. Sitzenbleiben sei nicht möglich gewesen. Französisch und Englisch seien bereits ab der ersten Klasse unterrichtet worden. Und es habe Textzeugnisse gegeben, die auch das Lern- und Sozialverhalten beschrieben.

Eigentlich wollte ich auf die Unterschiede zwischen Ihrer Schule und der Volksschule hinweisen. Doch die Aussagen in Ihrer Einladung machen es mir schwer. Heute ist der koedukative Unterricht an der Volksschule etabliert – trotz Diskussionen, die meist schwieriger zu unterrichtenden Knaben auch ausserhalb des Sportunterrichts hin und wieder zu separieren. Für einzelne Sequenzen mag dies gut gehen. Flächendeckend bin ich überzeugt, der damals von Ihrer Schule gewählte Weg stimmt auch heute.

Auch die Volksschulen haben das Sitzenbleiben verbannt. Stattdessen setzen wir auf individualisierte Schullaufbahnen und vielfältige Förderung, um oft wenig erfolgreiche Repetitionen zu vermeiden.

Sicher haben auch Sie die hitzigen Debatten über Fremdsprachen in den Medien verfolgt. An der Rudolf Steiner Schule werden Französisch und Englisch ab der

1. Klasse unterrichtet. An der Volksschule starten wir mit Französisch in der 3. Klasse, mit Englisch in der 5. Klasse. Mit Freude habe ich auf Ihrer Webseite entdeckt: «Natürlich geht es in der 1. Klasse nicht darum, Wörter und Grammatikregeln zu büffeln. Die Kinder nehmen die Sprache als lebendes Ganzes auf.» Ja, auch nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit der Volksschule sprechen unsere Schülerinnen und Schüler nicht perfekt Französisch oder Englisch. Das müssen sie auch nicht. Aber wir erhoffen uns, dass sie sich, zugegebenermassen anders als ich nach meiner Schulzeit, unverkrampft in einer anderen Sprache unterhalten können.

Sie legen grossen Wert auf die Entwicklungsschritte der Kinder und weisen diese in Textzeugnissen aus. Ich bin froh, dass auch wir nun denselben Weg gehen und heute in der obligatorischen Schulzeit neben den regulären Zeugnissen auch Beurteilungen zum Sozial- und Lernverhalten geben. Ich erinnere mich noch gut, wie ich zu Hause sass und mir meine Schülerinnen und Schüler mit geschlossenen Augen vorstellte und dann mit Worten beschrieben habe, wie ich sie erlebt hatte. Deshalb bin ich heute fest davon überzeugt, dass sich dieser Aufwand mehr als lohnt. Die Rückmeldungen der Jugendlichen bestätigen dies oft genug.

Ist die Rudolf Steiner Schule heute also identisch mit der Volksschule? Nein, das ist sie – richtigerweise – nicht. Wir durften ganz sicher vieles von Ihnen lernen. Schön wäre, wenn dies auch umgekehrt so sein könnte. Dennoch legen Sie zum Glück andere Schwerpunkte, Sie gewichten anders, Sie haben die Möglichkeit, die Kinder noch stärker ins Zentrum zu stellen, Sie beziehen die Eltern noch stärker ein – und sind somit eine eminent wichtige Ergänzung zur staatlichen Schule.

Das Verhältnis zwischen Volksschule und Privatschulen hat sich gewandelt. Heute sehen wir Privatschulen zum Glück nicht mehr als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Und diesen Weg möchten wir gerne mit Ihnen weitergehen. Dazu wünsche ich Ihnen für die nächsten 90 Jahre viel Innovation, viel Freude und Erfolg. Das in meinen Augen wichtigste Gut in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist der Aufbau und die Pflege der Beziehung. Und dieses Gut ist bei Ihnen zweifellos in besten Händen.

«Stellen Sie sich eine 90-jährige wacklige Dame vor»

Auszug aus den Mitteilungen Herbst 2016, Nr. 218, Seite 18 | Jubiläum und Einweihungsfest

Florian Osswald (63), Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum, unterrichtete 24 Jahre Mathematik und Physik an der Rudolf Steiner Schule in Bern Ittigen Langnau. Der entscheidende Massstab für eine Schule sei das Kind, sagt er.

Liebe Festgemeinde

Stellen Sie sich eine alte Dame vor, eine wackelige Dame, mit Runzeln. Und diese alte Dame, die Rudolf Steiner Schule Basel, wird heute 90 Jahre alt. Wie müsste sie werden, dass sie nicht als alte Dame erscheint, sondern eine Zukunft hat? Ich denke, das ist eine Frage, die Menschen von aussen stellen: Wie soll das mit dieser Schule, mit dieser Pädagogik weitergehen? Die ist doch so alt! Vor 90 Jahren wurde sie als erste Steinerschule in der Schweiz gegründet. Vor 90 Jahren begann Steiner-Pädagogik in der Schweiz. Heute werden die Grundsätze der Pädagogik kanonisch wiederholt. Ob Epochenunterricht oder Fremdsprachen: Alles wird brav tradiert. Wo liegt denn da die Zukunft? Und von aussen hört man: «Ja, im Grunde macht ihr doch immer das gleiche.» Wo ist das Innovative, das Neue an dieser Schule, an dieser Pädagogik?

Heute geht es im Unterricht, davon bin ich überzeugt, nicht mehr nur um den Inhalt. Wissen können Sie googeln, Sie können es herunterladen, auf Wikipedia nachschlagen oder auf YouTube anschauen, Sie können Wissen herunterladen, so viel Sie wollen. Das kann es aber doch nicht sein. Ich denke, es geht heute um die Art und Weise, wie Wissen vermittelt wird, und warum wir Wissen vermitteln. Die Rudolf Steiner Schule Basel und die Schulbewegung in der Schweiz haben da ein unglaubliches Ziel: dass das, was wir unterrichten, den Kindern für ihre Entwicklung dient. Wir vermitteln nicht einfach nur Wissen, sondern unterrichten Mathematik so, dass es etwas für die Entwicklung des Kindes Gesundes ist. Es kann nicht sein, dass man Mathematik unterrichtet, so dass die Kinder traumatisiert werden. Das heisst, sie wollen dann gar nicht Mathematik machen. Oder sie sagen später: «Ich war nicht gut in Mathe.» Dann haben diese Menschen nicht nur die Freude an der Mathematik verloren. Sie haben auch die Freude am Denken verloren, die Freude, das Denken als Instrument zu benutzen, um Gedanken zu entwickeln, um ein Problem zu lösen. Sie glauben nicht mehr an sich selbst. Und dieser Glaube an mich selbst, das ist im Grunde das Wertvollste, er ist ein unglaublich starkes Zukunftspotential. Denn die Kinder, die da sind, die sind die Zukunft dieser Gesellschaft. Und wir haben sie nicht der bestehenden Gesellschaft anzupassen, sondern in ihnen das innovative Potential auszubilden, das mit der Zukunft fertig wird.

Das wunderbare Land der Schweiz hat etwas, was das Kollegium hier auch macht, und das ist, förderalistisch zu denken. Ein polnischer Botschafter sagte einmal begeistert, die Schweiz sei das einzige Land auf der Welt, wo es den Menschen immer wieder gelänge, aus ihrer Vielheit eine Einheit zu bilden. Das heisst, wir lieben in der Schweiz die Vielheit, aber wir verstehen es, daraus eine Einheit zu schaffen. Das probiert auch das Kollegium. Jeder bringt sein Anliegen in die Konferenz, und dann muss sie eine Richtung finden, in die es weitergeht. Woher kommt dann aber die Orientierung? Woher wissen wir, wo es durch geht? Ich denke, es gibt nur einen Massstab, der zu bestimmen hat, wo Schule hingeht. Und das ist nicht das Kollegium, nicht der Staat, nicht der Direktor. Überhaupt nicht. Der einzige Massstab sind die Kinder. Und sonst gibt es keinen. Wenn wir diesen Massstab verlieren, dann machen wir neben den Kindern Schule. Und das ist die grosse Frage an dieser Schule: Machen wir eine Schule für die Kinder? Oder machen wir Schule für politische Anliegen, für Pläne und Konzepte? Da bin ich voller Hoffnung, dass die Rudolf Steiner Schule Basel weiter Schule für Kinder macht. Das ist schwer und kann sicher immer wieder nur ein Versuch sein. Ein Versuch aber, dem wir wirklich treu bleiben sollten. Den Mut dazu wünsche ich Ihnen weiterhin.

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